Arne Schömann
Arne Schömann ist GenAI Lead bei IT.NRW, dem Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen. Zusammen mit seinem Team arbeitet er im KI-Labor daran digitale Verwaltungsprozesse effizienter, einfacher und bürgernäher zu gestalten.
»Gerade bei KI gilt: Nur wer bündelt, kann skalieren. Statt Einzellösungen brauchen wir gemeinsam nutzbare Infrastrukturen, klare Zuständigkeiten und eine verlässliche Perspektive für unsere Behörden.«
Die rasante Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz bietet neue Perspektiven, auch um öffentliche Dienstleistungen in Nordrhein-Westfalen effizienter und bürgerfreundlicher zu gestalten und demographischen Herausforderungen zu begegnen. Genutzt wird KI in der Regel jedoch noch zögerlich, was vor allem an rechtlichen und technischen Unsicherheiten liegt. Dabei bieten insbesondere generative KI-Anwendungen spannende Möglichkeiten, die mittlerweile weit erprobt sind. In der öffentlichen Verwaltung wächst zwar das Interesse, und erste Pilotprojekte tasten sich in den Verwaltungsalltag vor, doch der Weg bis hin zu einem flächendeckenden Einsatz von KI ist noch weit. Im Interview mit Arne Schömann, dem GenAI Lead bei IT.NRW, sprechen wir über den Einsatz von KI in der Verwaltung und das von IT.NRW entwickelte KI-Assistenzsystem NRW.Genius.

In Ihrer Rolle als GenAI Lead bei IT.NRW verantworten Sie u. a. das KI-Labor und verstehen sich damit als verwaltungsinterner Innovator, Berater und Dienstleister. Warum braucht die öffentliche Verwaltung eigene KI-Lösungen?
Weil wir Verantwortung tragen – für die Daten unserer Bürgerinnen und Bürger und für die Handlungsfähigkeit der Verwaltung. Viele KI-Produkte am Markt sind leistungsfähig, aber nicht darauf ausgelegt im hochsensiblen Kontext der Verwaltung zu funktionieren, auch beim Thema Datenschutz und Zugriffssicherheit auf die Daten. Uns geht es nicht darum, die KI neu zu erfinden. Unser Auftrag ist ein anderer: Wir machen bestehende Technologien sicher, nachvollziehbar und verlässlich für die Verwaltung nutzbar.
Es geht uns auch nicht darum »die KI« selbst zu entwickeln – unser Auftrag ist die bestehende Technologie der Verwaltung zugänglich zu machen um besser und schneller zu werden in unseren Prozessen. Dafür haben wir beispielsweise KI-Plugins entwickelt. Sie ermöglichen Fachverfahren einen standardisierten und abgesicherten Zugang zu leistungsfähiger KI. Gleichzeitig können aber auch über die von uns geschaffene API-Schnittstelle GovTech oder Softwarelieferanten ihre Lösungen mit sicherer KI aus der Verwaltung und für die Verwaltung bereitstellen – und Beschäftigte können KI direkt nutzen, ohne Spezialwissen zu benötigen. So entsteht ein KI-Standard, der Effizienz und digitale Souveränität verbindet. Und wir lernen stetig dazu mit verwaltungsspezifischen Funktionen, wie einem eigenen RAG-System oder einer Quellenzitation, die Vertrauen in KI-Systeme fördert.
Welche Anliegen tragen Verwaltungen an Sie heran? Welche Besonderheiten gibt es bei der Digitalisierung?
IT.NRW gestaltet seit vielen Jahren als zentraler IT-Dienstleister die Digitalisierung der Landesverwaltung. Mit dem KI-Labor haben wir früh auf KI gesetzt – tatsächlich schon vor dem Hype. Was zunächst oft als experimentelles Interesse begann, wird heute konkret: unsere Behörden fragen sich, wie KI jetzt im Alltag helfen kann, Prozesse besser und effizienter zu gestalten. Während in der Prä-ChatGPT-Ära vor allem hoch spezialisierte Anwendungen im Vordergrund standen, geht es heute also um breit einsetzbare, operative Lösungen. Das Bewusstsein für mögliche Automatisierung mittels KI ist in der Verwaltung angekommen. Angefangen bei Vollständigkeitsprüfungen von Anträgen, über Chatbots zur Verbesserung der Bürgerkommunikation bis hin zu Tools für das Wissensmanagement. Um diesen Bedarf an Anwendungsfällen schnell abdecken zu können, haben wir eine Plattform geschaffen, die die besonderen Anforderungen der Verwaltung von Anfang an mitdenkt.
Mit dem KI-Labor arbeiten Sie zurzeit an einem Tool, das Künstliche Intelligenz in der Verwaltung nutzbar macht. Erklären Sie einmal: Was steckt hinter NRW.Genius?
NRW.Genius ist unsere KI-Assistenz für die Verwaltung: Ob Dokumentenzusammenfassung, Recherche über Verwaltungsdaten oder Textgenerierung – der Genius hilft, Zeit zu sparen und Prozesse zu beschleunigen. Aber Genius ist mehr als eine App: Wir bauen eine Plattform, mit der KI sicher, modellagnostisch und zentral bereitgestellt werden kann. Die Infrastruktur erlaubt Betrieb im eigenen Rechenzentrum sowie in verschiedenen Cloud-Umgebungen – immer mit Blick auf Datenschutz, Skalierbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Besonders wichtig: Genius ist ein Gemeinschaftsprojekt der Landesverwaltung – getragen von Ministerien, IT.NRW und Fachbereichen.
Wie sieht der Rollout von NRW.Genius aus und welche Technologie steckt dahinter?
Wir befinden uns mittlerweile in den Vorbereitungen NRW.Genius über tausend Nutzenden zur Verfügung zu stellen. Technisch klären wir dabei die entscheidende Frage: Wie kann KI in der Verwaltung wirklich skalieren? Dazu analysieren wir genau, wie viel GPU-Leistung wir brauchen und welche Infrastruktur für uns am besten funktioniert. Wir setzen dabei auf größtmögliche Souveränität, indem wir sämtliche Komponenten als Microservice aufsetzen. Unsere Sprachmodelle können nach Bedarf ausgetauscht werden. Zu Beginn setzen wir auf eine Kombination aus proprietären und offenen Modellen. Von GPT-4o bis hin zum deutschen Modell Teuken 7B.
Ebenso wichtig ist allerdings der kulturelle Wandel: Genius ist ein Hebel für Veränderung. Wir erleben, wie Beschäftigte aus unterschiedlichsten Ressorts gemeinsam lernen, sich gegenseitig befähigen und Verantwortung übernehmen. Auch mit den Personalvertretungen entwickeln wir gemeinsame Rahmenbedingungen. Ich freue mich besonders, dass wir dabei an einem Strang ziehen. Wir denken ressortübergreifend und entwickeln Genius als gemeinsames Vorhaben der Landesverwaltung weiter.
Auf den nächsten Schritt freue ich mich persönlich am meisten: KI in die Fläche zu bringen. Unsere KI-Plugins ermöglichen es, generative KI standardisiert bereitzustellen – als API. Fachverfahren können so gezielt auf KI-Funktionen zugreifen, ohne eigene Infrastruktur aufbauen zu müssen. Das senkt die Einstiegshürden massiv und macht KI erstmals wirklich anschlussfähig. So entsteht »AI as a Service« für die Verwaltung – eine zentrale Plattform, über die perspektivisch alle Behörden in NRW Zugang zu leistungsfähiger KI erhalten. Genius wird damit nicht nur zur Anwendung, sondern zur gemeinsamen KI-Infrastruktur des Landes.
Seit Oktober 2024 lief eine Testphase von NRW.Genius mit rund 100 Beschäftigten. Wie wurde diese angenommen und welche Use Cases haben sich herausgebildet?
Die Testphase war eine tolle Erfahrung: Neun Ministerien waren beteiligt – und wir haben die Anwendung bewusst gemeinsam mit den Beschäftigten weiterentwickelt. NRW.Genius ist kein Produkt von der Stange, sondern Ergebnis einer gemeinsamen Frage der Verwaltung: Wie kann uns KI konkret helfen besser zu werden?
Die Nachfrage ist dabei enorm – gleichzeitig ist aber auch die Erwartungshaltung durch neue Funktionen und Leistungssprünge der Technologie stark gestiegen. Unser Fokus liegt daher klar auf dem, was Verwaltung braucht: Sicherheit, Transparenz und eine vertrauenswürdige Verarbeitung von Daten. Einige Use Cases sind bereits sehr konkret: vom Copiloten für alltägliche Aufgaben bis hin zur Anbindung komplexer Datenquellen, um eigene Wissensbestände zu erschließen. Besonders stolz sind wir auf eine Funktion, die aus dem Feedback der Nutzer entstand: unser Quellen-Checker. Damit lassen sich KI-Antworten auf Satzebene zur Originalquelle zurückverfolgen – ein echter Vertrauensanker.
Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung? Was muss sich in der Verwaltung ändern?
Eine der größten Herausforderungen war das Fehlen einer übergreifenden strategischen Ausrichtung. Wer übernimmt Verantwortung? Noch agieren viele Stellen nebeneinander – oft ohne gemeinsame Standards oder koordinierte Roadmaps. Gerade bei KI gilt: Nur wer bündelt, kann skalieren. Statt Einzellösungen brauchen wir gemeinsam nutzbare Infrastrukturen, klare Zuständigkeiten und eine verlässliche Perspektive für unsere Behörden. Wann steht was bereit? Was wird an Haushaltsmitteln benötigt? Wie steht es um Interoperabilität? Diese Fragen brauchen verbindliche Antworten – vor allem angesichts begrenzter Mittel.
Ein Teil der Lösung liegt in einem koordinierten Plattformansatz der Verwaltung zentrale Investitionen in GPU-Ressourcen, einheitliche APIs und klar definierte Rollen. So ermöglichen wir »AI as a Service« für die Verwaltung. Mit NRW.Genius gehen wir genau in diese Richtung. Durch diese Standardisierung schaffen wir auch die Grundlage für eine stärkere Zusammenarbeit mit unserer Start-up-Szene und der dichten Forschungslandschaft in NRW. Über unsere Plugin-Architektur können externe Partner KI-Anwendungen direkt an unsere KI-Infrastruktur andocken. Ein Beispiel: KI-Plugins erweitern unsere Low-Code-Plattform um generative KI. So können etwa E-Mails automatisch klassifiziert oder Metadaten aus Texten extrahiert werden. Mein Ziel ist es, die Zeitspanne zwischen »am Markt bewährt« und »in der Verwaltung im Einsatz« drastisch zu verkürzen. Nicht mehr Jahre, sondern Wochen.
Ihre Vision: Wie sieht KI in fünf Jahren in der Verwaltung aus?
Ich arbeite an meinem Zielbild einer Verwaltung, in der KI so selbstverständlich funktioniert wie heute E-Mail-Schreiben oder das Surfen im Internet. Hoffentlich wird in fünf Jahren eine Sachbearbeiterin einen Bescheid erlassen, unterstützt von einer KI, die ihr nachvollziehbar aufzeigt, welche Informationen fehlen, welche Regelungen greifen und ob Rückfragen nötig sind. Im Hintergrund prüft ein KI-Agent, ob alle Informationen vorliegen oder ob Rückfragen nötig sind. Alles nahtlos integriert in den Fachprozess. Für die Beschäftigten fühlt sich das nicht mehr wie Innovation an – sondern einfach wie gute Arbeit. Sie müssen nicht mehr darüber nachdenken, ob KI eingesetzt wird – sondern erleben, dass sie ihnen hilft: beim Entlasten von Routinen, bei der Qualitätssicherung, beim Wissenstransfer. Gleichzeitig sorgt KI dafür, dass Automatisierungspotenziale schnell und wirtschaftlich gehoben werden können. Und sie schafft Raum – für das, was Verwaltung im Kern ausmacht: für Entscheidungen mit Augenmaß und Bürgernähe. Im Hintergrund läuft all das auf souveränen Plattformen. NRW.Genius wird dann nicht mehr das »neue KI-Tool« sein – sondern die Grundlage einer Verwaltung, die effizient und verlässlich arbeitet.
Arne Schömann ist GenAI Lead bei IT.NRW und wurde 2025 vom Handelsblatt ausgezeichnet als Young Leader in GovTech. Zusammen mit seinem Team arbeitet er im KI-Labor daran digitale Verwaltungsprozesse effizienter, einfacher und bürgernäher zu gestalten.
Das KI-Labor ist vielseitiger Berater und Dienstleister für Verwaltungen in den Bereichen Data Analytics, intelligente Automation und Generative KI für die öffentliche Verwaltung.