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Souveräner KI-Einsatz in NRW

04.03.2026

Wieso sich der Umstieg lohnt und was es noch zu tun gibt

Mit der Sanktionierung des ehemaligen EU-Kommissars Thierry Breton hat die US-Regierung eines der führenden Gesichter der europäischen Digitalgesetzgebung ins Visier genommen. Die Maßnahme ist symptomatisch für die wachsenden Spannungen, die Europas digitale Souveränität in Frage stellen. Als Folge wird Unternehmen zunehmend bewusst, wie eine starke Bindung zu amerikanischen Tech-Konzernen einseitige Abhängigkeiten schafft. Das führt zu realen Geschäftsrisiken. Gleichzeitig wirken Gemini und Copilot für Unternehmen in NRW alternativlos, wenn es um die einfache Integration von KI-Basismodellen geht. Dabei gibt es bereits heute eine Reihe leistungsstarker Alternativen, die ihre eigenen Stärken ausspielen können und dabei einen ähnlichen Komfort leisten. Um die eigene Unabhängigkeit zu stärken, sollten Unternehmen mit ihrer Transformation dennoch nicht allein gelassen werden. Wir zeigen mögliche politische Maßnahmen zur Unterstützung auf und stellen Best Practices aus NRW vor.

Der Begriff der digitalen Souveränität umfasst nicht nur nationale Interessen, sondern ist ein entscheidender Faktor für die unternehmerische Unabhängigkeit. Doch die Konzentration auf wenige dominante Tech-Plattformen verengt die strategischen Spielräume der Anwender. Aktuelle Beispiele zeigen: Mit der zunehmenden Anbindung von Unternehmen an die Ökosysteme nehmen Risiken zu.

Schattenseiten der Dominanz von Tech-Plattformen

Datenzugriff: Wie gut sind meine Daten geschützt?
Die weitreichenden Zugriffsrechte der US-Geheimdienste auf Daten hiesiger Unternehmen verdeutlichen Risiken, auch trotz DSGVO oder EU-Standort von Clouddiensten. Im vergangenen Jahr teilte der Chefjustiziar von Microsoft Frankreich unter Eid mit, dass es keine Garantien zum Schutz europäischer Kundendaten vor einer Weitergabe an die US-Regierung gibt. Aktuell wird das Risiko als abstrakt eingeschätzt. Ein vergleichbarer Fall zeigt jedoch die mehrfache Weitergabe von Festplattenverschlüsselungen durch Microsoft im vergangenen Jahr.

Abschaltung: Besteht im Extremfall Handlungsfähigkeit?
Nachdem die US-Regierung den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag 2025 sanktionierte, konnten Richter nicht mehr auf ihre Microsoft-Dienste zugreifen. In einem ähnlichen Fall bewirkte die US-Regierung bereits 2019 die Sperrung aller Nutzerkonten des Softwareanbieters Adobe für venezolanische Unternehmen.

Vendor Lock-in: Was kostet der eingeschränkte Anbieterwechsel?
In diesem Jahr steigen die Gebühren für Microsoft-Lizenzen um bis zu 33 Prozent an. Auffällig erscheint dabei die stärkere Preiserhöhung von Einzelprodukten gegenüber Gesamtpaketen, was das Ziel einer Produktdurchdringung nahelegt. Mit der tiefergehenden Integration von Hosting, Standardsoftware hin zu KI-Basismodellen bei einem einzelnen Anbieter werden Unternehmen bei immer tiefergehender Integration mit zunehmend schmerzhaftem Umstieg konfrontiert.

Unternehmen wünschen sich Alternativen …,

Umfrage unter etwa 600 Unternehmen, Handelsblatt 2.1.2026, Quelle: Bitkom Research

… planen aber nur bedingt den Wechsel   

Umfrage unter 93 CEOs, Quelle: PWC CEO Survey Report 1/2026

Die Lücke zwischen Wunsch und Handlung offenbart Herausforderungen bei den Unternehmen, die eigene digitale Souveränität selbst sicherstellen zu können. Gleichzeitig signalisiert die Wechselbereitschaft von immerhin einem Drittel der Befragten ein signifikantes Interesse an konkreten Beispiellösungen aus Europa.

Alternativen für Unternehmen in NRW

Beispiel Europäischer Tech-Stack

Mit dem Aufkommen von Basismodellen haben sich in Europa insbesondere Automatisierungstools einen Namen gemacht, die prozessübergreifend Schnittstellen zwischen verschiedenen Datenquellen, Anwendungen und KI-Modellen schaffen. Als »Betriebssystem« für Basismodelle erlauben sie die gesamte Planung, Steuerung und Anpassung von Workflows. Nach Inbetriebnahme sind diese eigens im Team anpassbar und können fortlaufend weiterentwickelt werden. Aber auch Chatbots zum verschlüsselten oder lokalen Betrieb sowie deutsche Cloudanbieter stellen gute Alternativen zu den amerikanischen Tech-Konzernen dar. Viele müssen zudem nicht aufwändig kombiniert werden, sondern bieten integrierte Leistungen von Hosting bis KI-Anwendung. Damit bleibt der Vorteil eines »One-Stop-Shops« ohne Risiko vergleichbarer Lock-in-Effekte. Ähnlich wie die vermeintlich niederschwelligeren US-Lösungen, bieten auch hiesige Zugänge häufig kostenlose Testvarianten an. Zudem können sie ihre Stärken gegenüber Standardanwendungen ausspielen, wenn sie tiefer in Geschäftsprozesse integriert werden. Dabei können Funktionen bedarfsweise zugeschaltet werden.

Ausblick
Um ihre digitale Souveränität zu stärken, nehmen Unternehmen einen Aufpreis in Kauf. Im Durchschnitt liegt die Zahlungsbereitschaft von höheren Kosten bei 19,3 Prozent. Zeitgleich nehmen sie ihre digitale Souveränität bei KI gegenüber Cloud, Hardware und anderen Softwarediensten als am schwächsten wahr. 60 Prozent geben zudem an, von einem einzigen Anbieter abhängig zu sein.

Mögliche politische Maßnahmen und Best Practices aus NRW

Mit der zunehmenden Integrationstiefe von KI-Systemen steigen Abhängigkeiten, die in absehbarer Zeit entlang neuer Funktionalitäten (z. B. KI-Agenten) und der Verarbeitung proprietärer sowie intransparenter Basismodelle weiter steigen dürften. In ihrer Rolle als Plattformanbieter erhalten die Tech-Konzerne zudem einen privilegierten Zugang zu europäischen Kunden, was Defizite im Digitalmarkt auch für hiesige KI-Anbieter offenbart.

Als die beiden wichtigsten politischen Maßnahmen zur Stärkung der digitalen Souveränität erachten Entscheider*innen von Unternehmen und Organisationen die Förderung der Entwicklung digitaler Lösungen in Deutschland und die Stärkung der digitalen Souveränität in der öffentlichen Verwaltung.

Der Staat als Ankerkunde
Durch die Unterstützung von Alternativangeboten entlang des gesamten Tech-Stacks würde sich die öffentliche Verwaltung nicht nur die eigene digitale Souveränität sichern. Mit ihrer Nachfrage stärkt sie zudem die Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Anbieter gegenüber den Tech-Konzernen. Der europäische Tech-Stack (Abb. oben) verdeutlicht die Stärke eines sich entwickelnden Ökosystems. Open Source, Schnittstellenoffenheit, Transparenz und Anpassungsfähigkeit erlauben einen durch konsequente Förderung anschlussfähigen Digitalmarkt – für europäische Anbieter- und Anwenderunternehmen. In einem vergleichbaren Fall konnte das Land Schleswig-Holstein durch den Wechsel von Microsoft Office zu LibreOffice zeigen, wie es jährlich 15 Millionen Euro an Lizenzgebühren einspart und gleichzeitig die hiesige Softwareentwicklung stärkt.

Das Bochumer Unternehmen Edgeless Systems bietet mit Privatemode eine Confidential-Computing-Lösung, die in externen Rechenzentren betrieben wird. Mit dieser können Nutzende KI-Basismodelle Ende-zu-Ende verschlüsselt benutzen, so auch die Bundesagentur für Arbeit, die Privatemode für ihr Wissensmanagement nutzt.

Einsatz vertrauenswürdiger Basismodelle
Zudem besteht ein Interesse an vertrauenswürdigen Basismodellen. Während der US-Chatbot Grok in der Vergangenheit durch antisemitische Aussagen aufgefallen ist, unterliegen chinesische Modelle staatlicher Zensur. Von europäischem Interesse ist daher die Verfügbarkeit einer möglichst großen Vielfalt von Basismodellen, die über ein hohes Maß an Transparenz, wenig Bias und einen einfachen Zugang verfügen. Als Positivbeispiel sticht hier das französische Unternehmen Mistral hervor, welches erfolgreiche und leistungsstarke Modelle entwickelt, die im Unterschied zur amerikanischen Konkurrenz einen echten Open-Source-Zugang gewähren. Die Modelle von Mistral sind eine beliebte Alternative für öffentliche Einrichtungen in Europa. Ein klares Commitment zu offenen Modellen verbessert den Wettbewerb hin zu vertrauenswürdigen Lösungen und Konkurrenzfähigkeit ihrer Anbieter. Zudem profitieren Anwenderunternehmen durch den Zugang auf solche Modelle.

Über seinen Dienst NRW.Genius stellt das Land seiner Verwaltung verschiedene Basismodelle zur Verfügung. Mit der Weiterentwicklung eines eigens in NRW entwickelten Modells wird im Projekt »GovTeuken« die Nachfrage nach spezifischen öffentlichen Anforderungen gedeckt und zugleich die Entwicklung hiesiger Basismodelle gefördert.

Bündelung von Komponenten
ZenDis aus Bochum bietet eine Alternative zu Microsoft Office und hat es geschafft, den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag infolge der US-Sanktionierung als Kunden zu gewinnen. Das Besondere: Die Open-Source-Plattform bündelt Komponenten verschiedener europäischer Softwarehersteller. Als One-Stop-Shop können solche integrierten Softwarepakete in Zukunft auch einen Beitrag zu der Zugänglichkeit von Basismodellen leisten.

Speziallösungen aus NRW

Der Markt wettbewerbsfähiger KI-Lösungen ist außerhalb von Basismodellen weitaus weniger US-dominiert. Im Umfeld spezialisierter KI-Modelle bildet die Anbieterlandschaft in NRW eine große Bandbreite an Lösungen: Von Anlagensteuerung und Gebäudeklimatisierung zu Logistik und Medizin werden alle denkbaren Branchen bedient. In diesem Bereich liegen in der Regel Anbieter mit tiefen Domänenwissen und engem Unternehmenskontakt vorne – beispielsweise KI-gestützte Hochwasserschutzlösungen mit Erfahrungen über rechtliche Anforderungen, geografische Gegebenheiten und Pegelstände von Flüssen. Auf unserer KI.NRW-Landkarte finden Sie eine Vielzahl an Praxisbeispielen.

Über den Autor

Fabio Griehl
Fabio Griehl

Fabio Griehl arbeitet als KI-Manager bei KI.NRW und betreut unter anderem die KI.NRW-Flagships.